Slow Sunday: Wir müssen endlich über Politik sprechen

Das ist kein politisches Blog. Und irgendwie doch. Über nachhaltige und faire Mode zu bloggen, ist immer auch politisch. Zumindest für mich. Ich kann nicht über endliche Ressourcen, Überproduktion und unmenschliche Arbeitsbedingungen sprechen und nicht nicht politisch sein. Politisch zu sein, bedeutet für mich nichts anderes, als für meine Werte einzustehen. Das kann sich dann auch im Kleinen ausdrücken: Stoffbeutel statt Plastiktüte. Oder es kann Teil der Lebensweise sein, wie keine tierischen Produkte zu essen und unsere Zeit so gut wie möglich konsumfrei zu gestalten. Und natürlich ist auch mein Selbstverständnis als Feministin politischer Ausdruck. Auch wenn diese Werte oder Lebensformen – Nachhaltigkeit, Veganismus, Minimalismus, Feminismus – erstmal privat stattfinden, so sind sie doch auch politisch. Das Private ist politisch, um es mit Simone de Beauvoirs Worten zu sagen. Wenn das Private also politisch ist, wie kommt es dann, dass wir so wenig über Politik sprechen?

Statt über das zu sprechen, was uns umgibt, sprechen wir lieber über die neue Staffel House of Cards. Bitte nicht falsch verstehen: Ich schaue auch HoC und spreche liebend gerne darüber, vor allen Dingen, wenn Fiktion auf einmal Realität wird und die Underwoods die Welteroberung plotten. Trotzdem muss ich an dieser Stelle die Spielverderberin sein, denn ein Blick auf die aktuellen Weltgeschehnisse verrät: Unsere Welt versinkt im Chaos. Im menschengemachten Chaos. Um uns herum passieren Dinge, die unser Wertesystem bedrohen. Und wir? Wir gehen lieber shoppen. Das ist jetzt natürlich etwas plakativ formuliert – und um es gleich vorweg zu nehmen: Ich gehe auch shoppen -, aber irgendwie auch beispielhaft für das, was ich um mich herum beobachte. Wir lenken uns mit Dingen ab, um uns nicht mit uns selbst beschäftigen zu müssen. Wer sind wir, wenn wir nicht Klamotten kaufen, nicht im Fitnessstudio schwitzen oder Serien schauen? Für was stehen wir? Und für was stehen wir ein? Wenn wir es schaffen, diese Fragen für uns zu beantworten, dann können wir doch gar nicht mehr nicht nicht politisch sein.

Und doch sieht die Realität eher so aus, dass wir viele Dinge schulterzuckend hinnehmen und erst dann aufschrecken, wenn politische Entscheidungen direkte Auswirkungen auf unser Leben haben. Oder wie kommt es, dass wir erst dann auf die Straße gehen, wenn Donald Trump beschließt, aus dem Klimaabkommen auszutreten (mich eingeschlossen, siehe Bilder) und Transmenschen aus dem Militär ausschließt? Angesichts unserer gesellschaftlichen Herausforderungen, finde ich es umso verwunderlicher, dass der Wahlkampf in Deutschland uns gefühlt null tangiert. Hat Politik so wenig mit unserem Privaten zu tun, dass wir deshalb kaum darüber sprechen? Oder weil wir uns ohnehin machtlos und ohnmächtig inmitten eines undurchschaubaren politischen Systems fühlen?

Aber wenn sich Ohnmacht in Passivität ausdrückt und wir nicht mehr über das sprechen können, was uns bewegt, dann ist das gefährlich. Klar, Sprache verfehlt uns oft (oder umgekehrt) und kann das, was in uns vorgeht, häufig nur floskelhaft zum Ausdruck bringen. Dann sprechen wir also lieber gar nicht über die türkische Regierung, die vor unseren Augen die Opposition nach und nach von der politischen Landkarte schiebt. Oder über den Aufstieg weißer Nationalisten in den USA, die sich durch Trump legitimiert sehen, sich ihr Land zurückzunehmen. Oder darüber, was wir tun können, damit die AFD nicht in den Bundestag einzieht. Klappe halten und Keeping up with the Kardashians gucken. Eskapismus gone bad.

Nicht nur privat, auch beruflich kommt mir Politik oft zu kurz. Klar verstehe ich, dass der einzige Weg, Fair Fashion in den Mainstream einzugliedern, über das Produkt geht, und nicht über das Aufmerksammachen auf ökologische und soziale Missstände in der Industrie. Trotzdem wünschte ich mir, dass auch die (nachhaltige) Modebranche hier und da aktivistischer agiert. Umso mehr habe ich mich gefreut, als meine Bloggerkolleginnen Jana und Vreni mir erzählten, dass sie in ihrer ersten Podcastfolge von Gern Geschehen! über Politik sprechen (hier geht es zur Folge „Die CDU ist wie Eierlikör – zäh und klebrig“). Allein die Tatsache, dass sie es einfach machen, obwohl es so nicht fashionable ist, finde ich großartig. Denn wir müssen endlich über Politik reden. Egal wie. Und wenn es am Ende dazu führt, dass wir alle eine Partei mit einem Getränk in Verbindung bringen können, dann ist das schon mal ein erster Schritt und verrät doch auch das ein oder andere über unser Verhältnis zu den Parteien…und vielleicht auch über uns. Mich erinnern die Grünen übrigens an einen bitter schmeckenden grünen Smoothie und die FDP an einen schalen Sekt.

P.S. Und auch wenn es sich banal anhört: Geht wählen. Am 24. September ist Bundestagswahl. Nicht zu wählen, ist keine Option.

2 Gedanken zu „Slow Sunday: Wir müssen endlich über Politik sprechen“

  1. „Wer sind wir, wenn wir nicht Klamotten kaufen, nicht im Fitnessstudio schwitzen oder Serien schauen?“

    Damit hast du es ziemlich gut auf den Punkt gebracht. Selbstoptimierung kommt noch dazu, aber wirklich politische Diskussionen werden viel zu selten geführt.
    Allerdings bemerke ich in meinem engeren Freundeskreis ein Aufwachen seit dem letzten Jahr und es wird häufiger und intensiver über Politik gesprochen. Das hat zwar viel zu lange gedauert, aber ich bin froh, dass es endlich passiert und auch auf Blogs wie deinem die Wichtigkeit von Politik betont wird!
    Alles Liebe

    1. Danke für deinen Kommentar, liebe Saskia. Eine politische Haltung zu entwickeln, kann ja auch eine Form von Selbstoptimierung sein. Nur kommt das von innen heraus und strahlt hoffentlich nach außen. Aber oft muss ich leider (auch bei mir selbst hin und wieder) feststellen, dass wir es mit dem Eskapismus (damit meine ich äußere Ablenkungen) übertreiben und damit auch tiefgehenden Gesprächen aus dem Weg gehen, wie z.B. über Politik. Umso schöner, von dir zu lesen, dass in deinem Freundeskreis darüber gesprochen wird – rock on! Ganz liebe Grüße von Nina

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