Dokumentation: The True Cost

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Am 12. Juni wurde im Berliner Kino moviemento die Dokumentation „The True Cost“ von dem New Yorker Regisseur Andrew Morgan gezeigt. Morgan hat keinen Modehintergrund und bezeichnet sich selbst als jemanden, der sich nie gefragt hat, woher seine Kleidung kommt. Er kaufte sie einfach. Erst mit dem Rana Plaza-Unglück im Jahr 2013 fing er an, sich mit den Mechanismen der Bekleidungsindustrie auseinanderzusetzen. Via Kickstarter finanzierte er sein Filmprojekt und bereiste mit seinem Team die (Mode-)Welt. Er traf sich mit Näherinnen, Bauern, Aktivisten, Konsum- und Wirtschaftspsychologen sowie Fair Fashion-Labels und interviewte Experten wie Journalistin Lucy Siegle, Eco Age-Gründerin Livia Firth, Konsumpsychologe Tim Kasser, nachhaltige Modepioniere wie Safia Minney von People Tree sowie Bio-Baumwoll-Landwirtin und Textile Exchange-Geschäftsführerin LaRhea Pepper. Ein grandioses Cast. Nur die Gegenseite fehlt. Denn laut Morgan wollte sich keines der angefragten Fast Fashion-Unternehmen seinen Fragen stellen. Nach dem Film weiß man warum.

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Denn eine Sache wird in „The True Cost“ schnell klar: Die Modeindustrie wächst. Fast Fashion-Marken produzieren bis zu 53 Kollektionen im Jahr. Dieses Wachstum kommt jedoch keinesfalls einer win-win-Situation gleich. Denn unser Modesystem funktioniert auf Kosten von Umwelt und Mensch. So steht die Bekleidungsindustrie an zweiter Stelle der größten Umweltverschmutzer, gleich hinter der Ölindustrie. Während unsere Kleidung immer billiger wird, sind die hierfür anfallenden Produktionskosten gleichbleibend. Dass diese Gleichung nicht aufgeht, liegt auf der Hand. Die Folge: das Outsourcen der Produktion in Billiglohnländer. Allein in den USA liegt die Outsourcing-Quote inzwischen bei 97%. Unabhängig vom Verkaufspreis eines Kleidungsstücks, machen die Lohnkosten durchschnittlich nur 1% der Gesamtkosten  aus. Und das, obwohl die Modeindustrie jedes Jahr 3 Billionen Dollar erwirtschaftet. Die einzigen, die hiervon profitieren, sind die Modemarken selber. (Gedankliche Fußnote: Erst kürzlich wurde bekannt, dass Amancio Ortega, der Konzernboss des weltweit größten Modeanbieters Inditex, zu dem auch Zara gehört, der zweitreichste Mensch der Welt ist. Sein Vermögen wird auf 71,5 Milliarden Dollar geschätzt.) Besonders beeindruckend: In einer Szene fragt Livia Firth die Beauftragte für Nachhaltigkeit von H&M wiederholte Male, wie viel H&M seinen Arbeitern zahlt. Eine Zahl werden wir nicht hören, nur ausweichende Antworten. Ein unausgesprochenes Eingeständnis, was verdeutlicht, dass sich das Unternehmen nicht für seine Produzenten verantwortlich fühlt.

If your business model is based on furious expansion, really how will that ever square with being sustainable?“ – Lucy Siegle, Journalistin und Executive Producer von „The True Cost“

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Wer sich mit den Schattenseiten der Modeindustrie auseinandersetzt, kennt viele der von Morgan gezeigten Bilder: verseuchte Gewässer, giftige Kleiderdeponien, barfuß durch Baumwollfelder laufende Arbeiter, auf dem Rücken einen überlaufenden Kanister voller Pestizide geschnallt, vom Krebs gezeichnetete Bauern, und die verzweifelten Hinterbliebenen jener Fabrikarbeiter, die 2013 im Rana Plaza Gebäude ums Leben kommen mussten. Mir sind diese Bilder bekannt. Und trotzdem berühren und verstören sie mich jedes Mal aufs Neue. Denn sie konfrontieren uns mit unbequemen Fragen, die Morgan in seiner Dokumentation verhandelt:
Wie kann es sein, dass wir es in Kauf nehmen, dass Menschen für unsere Kleidung ihre Gesundheit riskieren? Wie kann es sein, dass wir es in Kauf nehmen, dass sich jährlich 250.000 kambodianische Bauern, die sich für den Rohstoffanbau unserer Kleidung hoch verschuldet haben, das Leben nehmen? Wie kann es sein, dass wir es in Kauf nehmen, dass Mütter ihre Kinder für unsere Kleidung wegschicken müssen, damit diese nicht auch eines Tages in einer Modefabrik arbeiten müssen? Wie kann es sein, dass wir es Kauf nehmen, dass Gewässer und Ländereien für unsere Kleidung verschmutzt werden? Und wie kann es sein, dass wir es in Kauf nehmen, dass sich kriegsähnliche Zustände auf den Straßen von Niedriglohnländern für unsere Kleidung abspielen, weil Arbeiter einen Mindestlohn von 160 Dollar im Monat einfordern?

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“The more that people care about materialistic goals, the lower their personal well-being.” – Tim Kasser, Autor und Professor für Psychologie am Knox College in Illinois, USA

„The True Cost“ zeigt: Mode, wie wir sie kennen, hat ihre Wertigkeit verloren. Weltweit werden jährlich 80 Billionen Kleidungsstücke gekauft. Der Psychologe Tim Kasser beschreibt den Wertewandel in der Modeindustrie im Gespräch mit Morgan anhand der Begriffe „used“ und „used up“, also Dinge, die wir über lange Jahre benutzen und die eine eindeutige Funktion haben, wie z.B. eine Waschmaschine, und Dinge, die wir einfach abnutzen. Genau diese Verschiebung von „use“ zu „used up“ erkennt Kasser in der Mode und fordert eine Werterevolution. Eine kluge Beobachtung, wie ich finde.

Es ist insbesondere Morgans unschuldige Herangehensweise an das Thema, die seinen Film so spannend und informativ macht. Seine Fragen sind einfach, folgerichtig und dringlich: Wie konnte es nur soweit kommen? Und wieso billigen wir, dass die Modeindustrie Gewinn über Umweltschutz und Menschenrechte stellt?
Meine einzigen Kritikpunkte an der Dokumentation: Morgan schneidet gerne High-Fashion-Bildmaterial gepaart mit Black Friday-Massenhysterien und Haul-Videos gegen menschenunwürdige Lebensbedingungen, um auf die Ungleichverteilung in der Modebranche aufmerksam zu machen, anstatt seinen wortgewandten Interviewpartnern mehr Raum zu geben. Auch werden immer wieder die üblich verdächtigen Marken wie H&M, Zara und Forever 21 eingeblendet, obwohl ein Gewerkschafter klar sagt, dass High-Fashion-Unternehmen genauso billig produzieren. Hier hätte ich mir mehr Differenziertheit gewünscht, da die Gleichung teuer gleich besser ein durchaus gängiges Missverständnis ist.
Anders als bei Ausstellungen, Fernsehreportagen, Feuilleton-Artikeln oder Blogs, denke ich, dass ein Film auch Menschen erreichen kann, die sonst nicht mit dem Thema in Berührung kommen. Habt ihr die Dokumentation schon gesehen? Falls nicht, erfahrt ihr hier, wie und wo ihr „The True Cost“ schauen könnt.

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3 Gedanken zu „Dokumentation: The True Cost“

    1. Danke, liebe Bina. Ich habe gestern erfahren, dass es noch eine Vorführung in Berlin geben wird. Am 30. Juni um 19.30 im LNFA Concept Sore im Bikini Berlin. Vielleicht bist du ja dann in der Nähe. Liebe Grüße von Nina

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