Fashion Week Berlin Herbst/Winter 2015/16: Highlights Ethical Fashion Show Berlin

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Die Ethical Fashion Show Berlin zählt zu meinen persönlichen Highlights während der Berliner Fashion Week. Denn auf der nachhaltigen Modemese bekommt man nicht nur die Bandbreite an innovativer und modischer Street- und Casualwear aufgezeigt, sondern kann sich auf Fachveranstaltungen zu branchenaktuellen Themen informieren. Ein Nachklapp.

Eine grüne Mode-Vertreterin der ersten Stunde ist Claudia Lanius. Seit 1999 entwirft die Designerin grüne und faire Mode für ihr Kölner Label Lanius. Ich persönlich finde, dass Lanius in den letzten Jahren eine bemerkenswerte Entwicklung vollzogen hat. Keine Spur mehr von Ökochic. Auch die HW 2015/16-Kollektion ist modern, cool und trotzdem elegant. Besonders gut gefallen mir die Mäntel, wie etwa der unten abgebildete cremefarbene Bouclémantel, und die Kombination aus grobem Strick und zart-fließendem Tencel. Lanius verwendet vorwiegend vom IMO (Institut für Marktökologie) zertifizierte und kontrollierte Materialien wie Bio-Baumwolle, -Hanf, -Denim, -Seide und -Leinen. Nur bei der Wolle muss man genauer hinschauen, denn laut Lookbook ist nicht jede Merinowolle zu garantiert 100% mulesing-free. Alle Produzenten, mit denen Lanius arbeitet, sind durch die Fair Wear Foundation oder die GOTS-Richtlinien zertifiziert. Das bedeutet keine Kinderarbeit, geregelte Arbeitszeiten, faire Entlohnung und Gewerkschaftsrecht.

Cremefarbener Bouclémantel von Lanius

Oversized with a Twist: Graue Sweatjacke mit heller Kante und graue Joggpants, kombiniert mit T-Shirt der Kölner Künstlerin Susanne Waltermannlanius_HW15_16

Wadenlanger Mantel in Schwarz-Melangelanius_HW15_17

An format schätze ich neben der lokalen Produktion vor allen Dingen die Kombinierbarkeit. Nicht umsonst bezeichnet das Berliner Label seine Stücke als „all-time favorites“. Ich selbst besitze das schwarze WRAP-Kleid von format, dass ich im Winter mit Strumpfhose und im Sommer zu Sandalen tragen kann. Und ich garantiere euch: Die Kleider von format – egal, ob eng oder weit – sehen an jedem Körper toll aus und haben einen hohen Tragekomfort. Auch für die Herbst-/Wintersaison 15/16 hat format keine nagelneue Kollektion entworfen, sondern seine „all-time favorites“ durch weitere Lieblingsstücke, Farbvarianten und Stoffe ergänzt.

Karierte Bluse aus Bio-Baumwolleblog6

all-time favorite: TURN-Jackeblog7

Das finnische Label Nurmi erweitert seine Kollektion im Herbst/Winter 15/16 u.a. um Jeansjacken, recycelte Wollcardigans und Unisex-Pullover. Die Idee des Unisex-Prinzips, ein Kleidungsstück zu teilen oder es jemand anderem zu vermachen, wenn Mann/Frau es nicht mehr haben möchte, finde ich großartig. Nurmi regt neuerdings übrigens nicht nur zum Teilen, sondern auch zum Ausleihen an. In der hauseigenen „Nurmi Clothing Library“ kann man sich für 30 Euro im Monat Kleidung ausleihen. Allerdings nur in Finnland. Aber auch in Deutschland gibt es ähnliche Modelle, wie z.B. die Kleiderei. Solche innovativen Ansätze, wie Nurmi sie schafft, zeigen einmal mehr, dass Mode sich nicht ausschließlich über Besitz definiert und Konsum und Verantwortung kein Oxymoron sein müssen.

Accessoires von Nurmiblog3

Geupcycelte Denim-Jacke aus Stoffresten von Nurmiblog8

Unisex-Pullover aus Bio-Baumwolle von Nurmiblog5

Unisex-Cardigan aus recycelter Wolle von Nurmiblog4

Im Rahmenprogramm der Ethical Fashion Show Berlin habe ich dieses Mal eine Podiumdiskussion zu ethischen Daunen und ein Pressegespräch zur Marktentwicklung der Naturtextilbranche besucht. Mein Fazit zu Daunen: Auch wenn es Marken, wie Patagonia und Fjällräven gibt, die ethische Daunen im Sortiment haben, ist es ein heikles Business, das noch nicht wirklich etabliert ist. Ich nehme deswegen lieber Abstand von Daunen.

Der Internationale Verband für Naturtextilien (IVN) setzt sich für Transparenz in der gesamten textilen Lieferkette ein. Der Verband vergibt zwei eigene Qualitätszeichen – die Siegel Naturtextil und Naturleder – und ist Gesellschafter des Global Organic Textile Standard (GOTS). Auf der Ethical Fashion Show präsentierte der IVN auf Basis des Umsatzes seiner 120 Verbandsmitglieder einen Rück- und Ausblick zur Entwicklung der nachhaltigen Textilbranche. Die Befragung zeigt, dass die Branche im Zeitraum von 2000 bis 2013 ein jährliches Umsatzplus von 5% erzielte. Dass für immer mehr Labels Nachhaltigkeit Teil der Unternehmensstrategie werde, habe auch mit der Rolle der Kunden zu tun, die durch das Web 2.0 die Möglichkeit haben, Fragen und Forderungen an Hersteller zu stellen. Katastrophen in der Textilbranche, wie der Einsturz der Rana Plaza-Fabrik, erfahren insbesondere durch die sozialen Netzwerke größere Aufmerksamkeit und sorgen für Kundensensibilisierung. Dadurch wachse nicht nur der Druck auf die Textilbranche, sondern auch auf die Politik. Das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BIZ) antwortete hierauf mit dem textilen Bündnis und dem kürzlich gelaunchten Verbraucherportal Siegelklarheit. Es seien aber insbesondere Initiativen von NGOs, wie die Detox-Kampagne von Greenpeace, die Unternehmen dazu bringen, sich zum Handeln zu verpflichten. So erreichte die Detox-Kampagne, dass sich 26 Modeanbieter darunter Puma, Tschibo und Rewe, dazu verpflichten, bis 2020 schadstofffreie Textilien zu produzieren.

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Für die nächsten fünf Jahre macht der IVN drei Trends aus: Die Rückbesinnung auf lokale Produktion, die Entwicklung von alternativen und innovativen Fasern und die Steigerung des Modegrads von Ökokleidung. Abschließend prognostizierte der IVN, dass nachhaltige Textilien in der Zukunft keine Nischenprodukte mehr sein werden: Schnäppchenjagd war gestern und Bio-Textilien werden ähnlich wie Bio-Lebensmittel zum Mainstream werden.
Eine optimistische Prognose, der ich leider gleich entgegnen möchte, das dass natürlich stark von unserer Definition von Nachhaltigkeit abhängig ist. Kann es in unserem Sinne sein, dass Unternehmen nur deswegen auf Nachhaltigkeit umsatteln, weil es en vogue ist? Möchten wir es hinnehmen, dass Labels ihre Produkte selbst zertifizieren und den Kunden damit glaubhaft machen, dass alles im grünen Bereich ist? Ein aktuelles Beispiel ist Lidls millionenschwere Rebranding-Kampagne, in der der Lebensmitteldiscounter behauptet, Qualität, fairen Lohn und billige Preise vereinen zu können. Lidl vermarket sich als nachhaltiges Unternehmen und betreibt in Wahrheit nichts anderes als „green washing“. Solange der Nachhaltigkeitsbegriff derartig inflationär benutzt und vernebelt wird, bleibe ich dem Nachhaltigkeitstrend gegenüber skeptisch. Unternehmen müssen verstehen, dass Nachhaltigkeit mehr als nur ein Marketingtool ist: Nachhaltigkeit steht für Wertewandel, Konsumreduzierung, Ressourcen- und Artenschutz, soziale Verantwortung, wirtschaftliche Gerechtigkeit und Transparenz. Die grünen Labels auf den Messen haben das verstanden.

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